Klingt das „Wir“ nicht schön?

von Astrid Werner

Catrin heiratet. Zwei Worte, ein einfacher Satz. Der doch so viel mehr bedeutet für die Menschen, die Catrin schon länger kennen, ungefähr ihr halbes Leben. Denn Catrin war keins von den Mädchen, die schon im zarten Teeniealter von Mr. Right und einer Traumhochzeit in Weiß geträumt haben. Catrin glaubte mehr an das Leben als an die Liebe. Und wie meistens im Leben kam natürlich alles anders.

Catrin wollte die Welt sehen. Und das hat sie. Von ihrer Heimatstadt Kleve in die Großstadt Dortmund war es schon ein mutiger Schritt, es folgten Singapur, Hawaii, Paris. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Hannover, für manche die langweiligste Stadt Deutschlands, eine so große Rolle in Catrins kosmopolitischem Leben spielen würde? Und das kam so:

Das Touristik-Studium in Dortmund war beendet. Doch Catrin hatte ihren Wissensdurst noch nicht gestillt und konnte sich nicht mit dem Gedanken an einen geregelten Arbeitsalltag anfreunden. Also ein MBA-Studium in Paris. Eine Stadt, die alles verspricht. Und doch war es das Auslandspraktikum bei der TUI in Hannover, mit dem diese Liebesgeschichte ihren Lauf nahm.

Catrin war bei zwei charmanten jungen Herren in einer WG in der Lavesstraße untergekommen. Kontakt- und amüsierbedürftig wie eh und je nutzte sie alle Möglichkeiten, um unter die Leute zu kommen. Ihre beiden Mitbewohner Dieter und Andreas leisteten hierzu ihren Beitrag, genauso wie die Kollegen bei der TUI, doch das reichte Catrin nicht. Neue Leute mussten her. Und so landete Catrin auf Empfehlung – war es von Dieter oder von Andreas? – auf einer Internetseite, die genau das möglich machte. Kontakte. Ein Flirt, ein Freund fürs Leben, die große Liebe? Alles sollte möglich sein. Einfach, effizient, anonym. Aber gesellschaftsfähig? Catrin entschied, ihre Aktivitäten im Netz zunächst für sich zu behalten. War es denn gelogen zu behaupten, diese Kontakte wären über Dieter und Andreas entstanden? Seien wir nicht kleinlich.

Joerg, seinerseits auf der Suche nach Kontakten außerhalb des Conti-Universums, hatte Catrins Profil auf besagter Internetseite bereits entdeckt und schickte der netten jungen Dame eine höfliche Nachricht. Als Catrin diese Nachricht öffnete und sich Profil und Foto des Absenders ansah, setzte erstes Herzflattern ein. Und es hat bis heute nicht aufgehört.

Joerg staunte nicht schlecht, als Catrin ihm bereits in ihrer ersten Antwort vorschlug, sich bald auf ein Glas Wein zu treffen. Virtuelle Kontakte seien nicht ihr Ding. Die Dame weiß, was sie will, mag er gedacht haben. Recht hatte er.

Nachrichten gingen hin und her. Erste Sympathie war vorhanden, Aufregung und Kribbeln eingeschlossen. Das erste Date stand bevor – immer ein Grund, nervös zu sein. Catrin fuhr sogar mit der Bahn durch die halbe Stadt, um die ihr bekannten Wege nicht verlassen zu müssen und rechtzeitig in der von Joerg vorgeschlagenen Spago Bar einzutreffen. Sie fand einen telefonierenden Joerg in Businesskleidung vor. Spießer, mag sie gedacht haben, aber sie beschloss intuitiv, ihm eine Chance zu geben. Eine gute Entscheidung: Die Spago Bar schloss in dieser Nacht hinter Catrin und Joerg die Türen ab. Es gab viel zu besprechen. Beide wussten: Es sollte nicht bei diesem einen Abend bleiben.

Weitere Treffen folgten. Joerg gab Catrin einige Rätsel auf und war für sie so gar nicht zu durchschauen. Die Zeit mit ihm war wunderbar und schon bald zeichnete sich um den Namen Joerg in ihrem Kopf ein kleines Herz. Doch wollte er sie wirklich? Wollte er nur ein guter Freund sein? Aber gute Freunde schreiben doch nicht solche SMS…

Catrin beschloss, in die Offensive zu gehen. Der Mc Donald’s am Kröpcke in Hannover hat sicher niemals eine solch liebevolle Tischdekoration gesehen wie an jenem Abend im Frühjahr 2004, als Catrin sich bei Joerg für einige schöne Einladungen und Abende bedanken wollte. Der Wein, die Gläser, die Kerzen sprachen für sich. Und spätestens als Joerg, von Catrin in ihrer unnachahmlichen Art unschuldig und unauffällig in das Obergeschoss der Mc Donald’s-Filiale gelotst, die Überraschung entdeckte und mit Catrin an diesem ganz besonderen Tisch Platz nahm, wurde aus dem Kreis, der in seinem Kopf bereits um Catrins Namen gezogen war, mit einem kleinen *plopp* ein zartes Herz.

So fangen große Liebesgeschichten an. Der Abend endete mit einem knieerweichenden Kuss im Taxi vor Catrins Haustür. Catrin war der glücklichste Mensch von Hannover. Die Welt stand still. Das Herzflattern zog bis in die Ohrläppchen und die kleinen Zehen. Und es hat bis heute nicht aufgehört.

Was dann folgte, war der Anfang von etwas Großem. Zum ersten Mal konnte Catrin sich vorstellen, ihr Leben mit einem anderen Menschen zu teilen. Ihr ganzes Leben. Aus der Vorstellung wurde ein Wunsch, und der Wunsch wurde stärker. Schon bald teilten die beiden Wohnung, Auto und Zukunftspläne. Mittlerweile sind es ein Haus mit Garten, ein kleiner Fuhrpark und eine gemeinsame Geschichte. Am 6. September 2008 heiraten zwei Menschen, die zusammen gehören. Aus zwei „Ichs“ wird ein „Wir“. Kann es etwas Schöneres geben?